Gomringer

Als lebende Jukebox bezeichnete sich Nora Gomringer selbst. In ihrer Jugend, im Alter ihrer Zuhörer, als sie auf eine etwas ungewöhnliche Idee kam, um sich ein zusätzliches Taschengeld zu verdienen. Nachdem sie hundert Gedichte auswendig gelernt hatte, konnte man sie mieten. Eben als lebende Jukebox, die je nach Bedarf und Situation das passende Gedicht „ausspucken“ konnte.

Die Liebe zum Gedicht, aber auch zum gesprochenen Wort, zur Performance, zeigte sich also schon früh und auch die diesjährige Oberstufenlesung war kurzweilig und abwechslungsreich wie ein Abspielen einer Jukebox. Und das ist durchaus als Kompliment gemeint, denn normalerweise rufen Lyrik und ungewohnte, sperrige Texte nicht gerade Begeisterung oder Interesse hervor. Aber Nora Gomringer schaffte es, mit einer raumfüllenden Darbietung die rund 350 Oberstufenschülerinnen und -schüler zum Zuhören zu verführen. Dass ihr dies trotz der bei vielen eher unbeliebten, da als unverständlich oder gar überflüssig beurteilten Gattung der Lyrik gelingt, war ihrer offenen, häufig auch selbstironischen und den Jugendlichen zugewandten Art zu verdanken. Sie erklärte den Unterschied von Sprechgedichten und Gedichten und slammte gleich zu Beginn ihr bekanntes „Ursprungsalphabet“, das in etlichen Klassen und Kursen bereits in der Videofassung zu ersten Irritationen, Diskussionen und Auseinandersetzung geführt hatte. Dass Nora Gomringers Texte immer auch einen Aufforderungscharakter haben, über sich oder das Leben nachzudenken, wurde hier exemplarisch deutlich, denn ein Kurs und eine Deutschklasse hatten sich ebenfalls daran probiert, eigene „Ursprungsalphabete“ zu verfassen, die für alle zugänglich ausgehängt waren. Auch die Lyrikerin selbst hatte vor Beginn der Lesung hier schon geschmökert und sich sogar ein paar Versionen abfotografiert. Davon ausgehend konnte sie verdeutlichen, welche Rolle Lyrik für jeden einzelnen spielen kann, dass es natürlich immer um die Auseinandersetzung mit sich selbst gehe, aber dabei nicht stehen bleiben dürfe und das „Ich“ des Gedichts eben nicht deckungsgleich mit dem oder der Schreibenden selbst ist. Biographische Erlebnisse führen bei ihr jedoch fast zwangsläufig zu lyrischen Texten, wobei sie auch sehr gern Auftragsarbeiten erledigt und dann Gedichte für bestimmte Anlässe schreibt. In leichtem Plauderton erzählte sie über ihr Aufwachsen in der fränkischen Provinz, über das Finden und Verlieren von Freunden, über die Liebe, aber auch über die ganz großen Themen, die Deutschland und vor allem ihre Texte prägen: den Holocaust und den heutigen Umgang damit. Bei der beeindruckenden Lesung von „Trias“ war es auf einmal ganz still in der Aula. Aber auch die sehr persönlichen Gedichte aus Morbus, die sie mit den Hintergründen ihrer eigenen Vita und hier vor allem einer sehr intensiven Freundschaft näher erläuterte und so für die Zuhörerinnen und Zuhörer begreifbar machte, bewegten das Publikum. Genau hier lag auch die Besonderheit der diesjährigen Lesung: Man bekam einen sehr plastischen Einblick in das Leben und Wirken von einer Lyrikerin, die sich nicht scheut, vergangenes und heutiges Unrecht beim Namen zu nennen, darüber zu verzweifeln, keine Lösung zu finden. Die über das schreibt, was sie bewegt, was alle bewegt (oder zumindest bewegen sollte!) und dabei nicht vor großen Gefühlen zurückscheut.

Und dass sie damit auch ihr Publikum am MGL erreicht hat, wurde nicht nur am langanhaltenden Applaus und der großen Menschentraube deutlich, die sich nach der Lesung noch eine Unterschrift abholen oder ein kurzes Gespräch mit Nora Gomringer führen wollte. Man bemerkte es auch noch, als die Autorin schon längst wieder im Auto nach Bamberg saß, aber in einem Eck der geräumten Aula ein Pulk Schülerinnen und Schüler saß, die ihre Freistunde dazu nutzten, um ein eigenes „Ursprungsalphabet“ zu schreiben.