Ein Augenblick vor dem Sterben

- Das gesamte Ensemble zusammen mit Regisseurin StDin Ulrike Endres am Ende der Aufführung
Sterben oder nicht sterben?
Was wäre, wenn ein Mensch im Augenblick seines Todes die Chance hätte, selbst zu entscheiden, ob er weiterleben will? Ein erfolgloser Drehbuchautor sinniert über diese Idee für einen neuen Film nach ? und dann stehen in sechs Szenen, die auf den ersten Blicknichts mit einander zu tun haben, ganz unterschiedliche Menschen im Mittelpunkt: ein Kranker, den man für eine Hypochonder hält, ein Junkie, ein Mädchen, das sich mit seiner dominanten Mutter streitet, ? und ? und ? und. Ahnen sie, dass sie gleich zu Tode kommen könnten ? auf seltsame, tragische, komische, absurde, banale, sinnlose, zufällige Weise? Wären sie zu retten gewesen?
Und was wäre, wenn durch eine Kleinigkeit ? eine Begegnung, eine Zufälligkeit oder nur ein passendes, verständnisvolles Wort ? alles anders wäre? In spiegelbildlicher Reihenfolge laufen nochmals alle Szenen ab, eine winzige Veränderung setzt die and3re in Gang, rettet vielleicht Leben.
Das ungewöhnliche Stück von des katalanischen Autoren Sergi Belbel wirft Fragen auf, ohne fertige Antworten zu liefern: was bestimmt unser Leben? Ist es unser freier Wille? Das Schicksal? Die Vorsehung? Eine göttliche Instanz?
Der Kurs ?Dramatisches Gestalten? der K12 und der Kurs ?Darstellendes Spiel? der Q11 brachten am 26. und 27.07.2010 das Stück ?Ein Augenblick vor dem Sterben? auf der Schulbühne zur Aufführung. Überzeugend waren alle Schauspielerinnen und Schauspieler: in der ersten Szene Jin Hi als Drehbuchautor und Marie-Christine als dessen Ehefrau, die den sich anbahnenden Infarkt ihres Mannes nicht wahrnimmt und der dann vor ihren Augen stirbt.
Ignaz überzeugte einmal mehr in der Rolle eines Fixers, der nach der Moralpredigt seiner Schwester (?Du bist ein Stück Scheiße. Weniger als null. Das ist das Gesicht eines menschlichen Kadavers.?), hervorragend gespielt von Annika, sich den ?Goldenen Schuss? setzt.
In der dritten Szene spielte Katharina eine dominante und ichzentrierte Mutter (?Ach Kind, jeder spricht von seinen Eltern, wenn sie gestorben sind. Und halt den Mund jetzt, ja!?) , die ihrer pubertierenden Tochter, gespielt von Lena, keinerlei Entscheidungsspielräume lässt, bis dahin, dass sie sie zum Essen zwingt. Tragischerweise erstickt dabei die Tochter.
Daniel und Anna (bzw. Julia bei der zweiten Aufführung) spielten eine Krankenhauszene als Patient und Krankenschwester, bei der am Ende der Patient einen plötzlichen Tod stirbt, weil die Umgebung seine Hinweise nicht ernst genug nimmt.
Einen schauspielerischen Höhepunkt bot sicher die fünfte Szene, in der Simone in der Rolle einer alten, vereinsamten, alkohol- und medikamentenabhängigen Dame überzeugt, die in langen Monologen am Telefon bzw. in Selbstgesprächen ihre Isolation und Verzweiflung zum Ausdruck bringt: ?Aber begreifst du denn nicht, wie schlecht es mir geht?! Nein. Niemand. Du bist der Einzige, die ich noch habe. Ja. Seitdem der Junge von mir fort ist ?? so spricht sie verzweifelt zu ihrer Bekannten am Telefon, die aber auf den Hilferuf der alten Frau nicht reagiert und somit mitverantwortlich an ihrem Tod wird.
In der vorletzten Szene überfahren zwei Polizisten (gespielt von Jasmin und Elena) einen Motorradfahrer (Stephanie), weil sie in unverantwortlicher Weise durch die Stadt rasen, obwohl ihr Signalhorn defekt ist und der Fahrer auf die mehrfachen Aufforderungen seines Kollegen, langsamer zu fahren, nicht reagiert.
Eiskalt zeigte in der letzten Szene Jennifer einen gedungenen Mörder, der erbarmungslos und ohne Gefühlsregung sein Opfer ? gespielt von Theresa ? für Geld gleichsam exekutiert. V.a. in dieser Szene wird auch die Frage, wie Gott solches Leid zulassen kann, gestellt: ?Sie rufen Gott und bitten ihn, dass er kommt und Sie rettet. Weil Sie an ihn glauben, ist es nicht so?"
Nach diesem ?ersten Durchgang? werden alle Szenen in spiegelbildlicher Weise ?rückwärts? gespielt und die einzelnen Szenen, die zuvor völlig zusammenhanglos schienen, fügen sich zu einer Gesamtheit zusammen: durch eine kleine Veränderung im Verhalten der Beteiligten nehmen die einzelnen Episoden eine überraschende Wendung ? der Tod wird abgewendet: der Mörder findet Erbarmen an seinem Opfer, der Polizist fährt etwas langsamer, so dass statt des Todes nur ein Beinbruch die Folge ist, die alte Frau findet ihren von der Polizeistreife leicht verletzten Sohn im Krankenhaus und ist darüber glücklich. Dadurch kann sie dem Patienten das Leben retten, der im Krankenhaus zuvor alleine gestorben ist, und dieser wiederum kann nach seiner Entlassung als Nachbar die Tochter vor dem Erstickungstod retten. Diese wiederum verhindert den Tod des Fixers, indem sie ihm das Drogenbesteck und das Heroin entwendet. Nur die letzte Szene bleibt in ihrer Dramatik bestehen, ja wird noch einmal verschärft: die Ehefrau, die gleichzeitig Krankenschwester ist, ist nicht in der Lage, den sich anbahnenden Tod ihres Mannes zu erkennen ? und so blieb am Ende betroffenes Schweigen im Theaterraum, bevor - nach einer langen und nachdenklichen Pause - der verdiente Applaus aufbrauste.
Hubert Gehrlich, StD














