Auswahl Stamm 01kleinLiteraturpreise hat er erhalten. Sein Roman „Agnes“ wurde sogar verfilmt und Stationen seines Lebens waren Zürich, Paris, New York und Skandinavien. Als weitere Station kam für Peter Stamm (55) am Donnerstag Lichtenfels dazu. Vor 340 Schülern hielt er in der Aula des MGL eine Lesung. Schülerfragen inklusive.

„Wie viel verdienen Sie?“, lautete eine praktische Schülerfrage – eine, die sonst eher von Schülern in der Schweiz gestellt würde, meinte der Autor. Millionen seien im Literaturbetrieb nicht zu verdienen. Das mochte vielleicht noch Hemingway gelingen, einem ausgewiesenen Vorbild Stamms. Aber eigentlich, so der Schweizer, habe er keine literarischen Vorbilder, sondern eher Vorlieben. Und was das Geldverdienen anbelange, so zehn bis zwölf Prozent Anteil pro verkauftem Buch sowie Entgelte bei Lesungen.

Die Autorenlesung hatten die Fachschaft Deutsch und der Förderverein des Gymnasiums ermöglicht. Damit wird am Lichtenfelser Gymnasium eine Tradition gepflegt, die schon 28 Autoren von nationalem und internationalem Ruf herbeilockte. „Günter Grass hat uns einmal sogar zugesagt, musste dann aber krankheitsbedingt absagen“, erklärte Direktor Stefan Völker. Auch er verfolgte, wie Peter Stamm mit Rucksack und Kaffeetasse an das Mikrofon trat, flankiert von zwei Schülern. Maria Süppel und Stefan Zapf hatten sich auf den Autor vorbereitet, hatten Fragen an ihn und überbrachten Fragen der Oberstufenschüler.

Auswahl Stamm 02kleinZapf gab gerne zu, vor der Begegnung mit Stamm etwas Lampenfieber gehabt zu haben. „Aber „…wenn man merkt, dass alles gut läuft, ist die Aufregung weggegangen“, so der junge Mann. Dass alles gut ging, hatte auch mit dem freundlichen und auskunftswilligen Wesen Stamms zu tun. Oder sollte man sagen, mit dem freundlichen und auskunftswilligen Bild, das er abgab? Das nämlich, so der Schriftsteller, ist ein häufiges Thema seiner Arbeiten – das Bild, das wir uns von Menschen machen und was davon stimmt. So geht es auch Walter, einer Figur aus seinem Roman „Agnes“, bei dem der Leser aufgefordert ist, zwischen Walters Reflektionen zu Agnes und einer möglichen Wahrheit dahinter auszuloten. Denn Agnes ist tot oder zumindest weg, und das hat ja Gründe. So las Stamm, weniger emotional als in der Tonlage eines Protokollanten, aus seinem wohl bekanntesten Buch. Er traf damit auch auf durchaus gut vorbereitete Schüler im Publikum, die dieses Buch kennen, weil sie sich auf diese Begegnung vorbereiteten oder weil eine Auswahl Stammscher Bücher auch Eingang in die Schulbibliothek fand. Ob er bei der Verfilmung seines Buches Einfluss auf das Drehbuch hatte, wie er dazu steht, dass die Handlung von Amerika nach Deutschland verlegt wurde und wie lange er an einem Buch generell so arbeite, wollten die Schüler wissen. [...] „Ich habe schon Texte abgebrochen, weil mich die Figur nicht mehr interessiert hat“, verriet der Autor. Ins Leben geschnuppert hat Stamm wohl sehr viel. Er war Buchhalter, hatte einen Knochenjob am Flughafen, das Abitur nachgeholt, sich in Vorlesungen zu Psychologie oder Anglistik begeben und Theaterstücke verfasst. In der Welt herumgekommen ist er auch, weiß also wovon er spricht, wenn er von Agnes und den Wolkenkratzern in Chicago schreibt. [...]

Stamm PublikumWas zu Peter Stamm oder wohl besser zu dem Bild, das er in den Köpfen der Zuhörer hinterließ, passte, war die so nett verpackte ehrliche Antwort auf die Schülerfrage, warum er denn ausgerechnet von dieser Agnes und ihrem Weggang schrieb. „Weil ich ein Autor sein wollte. Dann muss man schreiben und ich schrieb eben diese Geschichte.“ Stamm wird im Gedächtnis des Meranier-Gymnasiums bleiben. Als Vorleser und, weil jüngst über ihn Band 28 der Lesehefte des Gymnasiums erschienen ist. Am Ende schließlich Applaus, großes Stühlerücken in der Aula, Signierstunde, Stamms Griff zum Rucksack und ein Weggang. Diesmal seiner.

Markus Häggberg, http://www.obermain.de/lokal/lichtenfels/ art2414,628209 Abdruck mit freundlicher Erlaubnis des Obermain-Tagblattes