Autorenlesung zum Thema “Fremd” am Meranier-Gymnasium
mit Andrea Heuser


Heuser1kleinFremdheit, Fremdsein und der Umgang damit, das sollte der Inhalt einer Lesung mit anschließender Diskussion am Meranier-Gymnasium in Lichtenfels am 21. Juli sein, an der alle Schüler der 10. Klassen teilnahmen.

Ausgehend von den Ereignissen im Sommer 2015 mit Flucht, Vertreibung und Willkommenskultur einerseits, andererseits aber auch Ausschreitungen, dem Erstarken von Pegida und Abgrenzung gegenüber anderen erschien im Frühjahr 2016 eine Anthologie Münchner Autoren um den Herausgeber Fridolin Schley mit dem Titel “Fremd”. Darin gehen diese Schriftsteller von ihren eigenen Fremdheitserfahrungen aus, um ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit zu setzen.

Doch damit sollte es nicht genug sein. Ein weiterer Schritt bestand darin, in Kooperation mit dem Literaturportal Bayern und dem Bayerischen Kultusministerium Schulen zu besuchen, um dort zu lesen und mit jungen Leuten über das Thema “Fremd” zu diskutieren. So kam es, dass Anthologie-Herausgeber Schley zusammen mit der Autorin Andrea Heuser in Lichtenfels landete, dem nördlichsten und letzten Ort ihrer Lesereise im Schuljahr 2016/2017.
Die Veranstaltung begann mit einer kurzen Einführung, die die Hintergründe zur Anthologie umrissen. Im Anschluss wurde die Autorin Andrea Heuser durch die Schülerin Luisa Schneider vorgestellt.

Andrea Heuser ist vornehmlich Lyrikerin und aktiv in den Gruppen Reimfrei und Lyrinx; ihr erster Roman “Augustas Garten” wurde 2014 veröffentlicht. Mit dem Thema “Fremd” befasste sich auch ihre Promotionsarbeit zur “Jüdischkeit” in der deutschen Gegenwartsliteratur. Außerdem übersetzte Heuser im Auftrage des Goethe-Instituts Gedichte der libanesischen Schriftstellerin Hanane Aad. Im Moment arbeitet sie an einem neuen Roman. In der Lesung am Meranier-Gymnasium trug Heuser einen Text darüber vor, wie es wäre, einen neuen Planeten zu besiedeln. Ausgangspunkt waren Berichte zur Mission “Mars One” eines niederländischen Unternehmens, das Pläne hat, Menschen auf den Mars zu schicken. So fragte sich Heuser, wie sich ein kollektives Fremdseinserleben auf diejenigen auswirken könnte, die einen neuen Planeten kultivierten.

Heuser2kleinGerade diese Frage war es auch, die im Anschluss mit den Schülern im Plenum diskutiert wurde. Die Jugendlichen stellten sich dem Problem, ob eine Neubesiedelung eines Planeten wirklich ein Neuanfang der Menschheit sein könnte, oder ob zwischenmenschliche Differenzen auf einen neuen Planet mitgenommen werden. Auch die Frage, wie man in einer Gesellschaft leben kann und will, in der jeder auf den anderen angewiesen ist, egal wie die persönlichen Befindlichkeiten dem anderen gegenüber lauten, stand zur Debatte. Daraus entwuchs der Gedanke, inwiefern dann diese Befindlichkeiten überhaupt noch Probleme sein können, wenn es vornehmlich darum geht, erst einmal in einem lebensfeindlichen Raum seine Existenz zu erhalten. Somit diente dieses Gedankenexperiment als Anlass für die jungen Zuhörer, sich selbst Gedanken zu machen darüber, was passiert, wenn alles um einen herum fremd und neu ist.
Literatur bietet für solche Experimente die besten Möglichkeiten. Wo sonst kann man sich in fremde, andersartige Situationen eindenken und versuchen, zu Lösungen zu kommen, etwas im Geiste durchspielen, was man in der Realität nicht ausprobieren könnte. Somit leisten Kunst und Kultur ihren eigenen Beitrag bei der Vermittlung verschiedener Sichten im Fremdheitsprozess und regen zum Einfühlen an. Und dieses Einfühlen führt zu einem vertieften Nachdenken. Laut Heuser ist also Literatur etwas, was den Leser durch Nachdenken verändert – und damit prädestiniert ist, dem eigentlich ursprünglich Fremden etwas von seiner Fremdheit zu nehmen.
Über die Nachfrage, wie die Schüler die Auswirkungen der Flüchtlingskrise in Lichtenfels wahrnehmen, leitete Schley zu einem zweiten Text über. In einem Literaturprojekt wurden jungen Geflüchteten in München Schriftsteller an die Seite gestellt, die versuchen sollten, ihnen eine literarische Stimme zu geben. Schleys Beitrag ist der Roman „Die Ungesichter“, in dem er die Geschichte der Flucht einer jungen Somalierin erzählt. Im Anfangskapitel legt er sehr nachdrücklich und aus den Augen der Jugendlichen Amal dar, wie sich die Situation in Somalia langsam verändert, sich der Staat in fast unmerklichen Schritten hin zu einem islamistischen System mit totaler Überwachung wandelt. Nach der Ermordung ihres Vaters, eines Englischdolmetschers, wird Amal in einem Lager interniert und zwangsverheiratet, ehe sie nach langer schwerer Krankheit die Flucht auf sich nehmen kann.
Schleys Vortrag endete hier, er gab den Schülern aber noch einen Einblick in das, was Amal auf der Flucht erwarten sollte, u.a. Probleme mit Schleppern. Außerdem zeigte er auf, dass eine Flucht mit der Einfahrt des Zuges in München nicht beendet ist und dass diese Ankunft noch kein Ankommen in einem neuen Leben ist. Fünf Jahre später ist es Amal aber gelungen, hier neue Wurzeln zu schlagen. Sie hat gerade eine Ausbildung als Krankenschwester abgeschlossen und plant ihre weitere Zukunft.
Gerade diese eindrucksvoll erzählte Geschichte eines persönlichen Schicksals bot den Schülern als Abschluss noch einmal die Gelegenheit, sich mit ihrem Blick auf Fremde und Flucht auseinanderzusetzen und Vorurteile zu überprüfen.
Am Ende dankten Schley und Heuser den Schülern für ihr Interesse und die engagierten Beiträge in der Diskussion. Von der Organisatorin der Veranstaltung, OStRin Verena Schier, erging ein großer Dank an die beiden Autoren und der Wunsch, beide möglichst bald zu einer neuen Lesung oder einem Schreibworkshop in Lichtenfels begrüßen zu dürfen.