Die Q12 und die Liebe zur Weisheit

Philo3kleinSeit jeher hat der Mensch versucht, sich mit der Welt und der menschlichen Existenz auseinanderzusetzen, sie zu deuten und zu verstehen. In diesem Schuljahr wagte sich wieder einmal ein P-Seminar unter der Leitung von Frau Schier an die Herausforderungen, die das Philosophieren mit sich bringt. Vierzehn Schüler der Q12 investierten fast anderthalb Jahre Arbeit in das Perfektionieren ihrer Philosophier-Künste, und das alles zu einem Zweck: Dem großen Philosophier-Tag mit Kindern aus den fünften bis siebten Klassen des MGLs und deren Eltern, denn die „Liebe zur Weisheit“, wie die Griechen sagen würden, kennt keine Altersgrenze.

Unsere Aufgabe war es, uns mit Fragen zu beschäftigen, auf die man nicht falsch antworten kann, weil jeder seine individuellen Ansichten vertritt. Bei Themen wie „Was ist das Böse?“, „Was ist Gerechtigkeit?“ oder sogar dem Weihnachtsspecial „Denken statt Schenken“ konnten Kinder und Erwachsene sich zusammen eine Auszeit vom Alltag nehmen und ihren Gedanken freien Lauf lassen.

In dPhilo1kleiner Theorie kann Philosophieren ganz einfach sein. Man nehme: Einen Stuhlkreis, eine Gruppe Kinder, eine abstrakte Frage … et voilà. Eine Annahme, die sich als falsch erwiesen hat. Als Moderatoren der einzelnen Philosophierrunden gibt es wesentlich mehr Arbeit zu tun als Stühle zu rücken und Kinder zu überzeugen, uns eine Chance zu geben. Die ersten Monate des Seminars verbrachten wir nur damit, nach Frau Schiers Anweisungen mit unsren Seminarkollegen das richtige Philosophieren überhaupt erst mal zu lernen. Sie gab uns zahlreiche Tipps und Ratschläge, die wir für unser Projekt gut gebrauchen konnten. Anschließend durften wir wöchentlich den mutigen Freiwilligen aus der OGS eine Stunde ihrer Zeit stehlen, um auch mal mit „den Kleinen“ zu proben.

Schon da stand für uns alle fest: Egal, wie aufwendig es ist, sich im Voraus vertieft in die Themen rein zu denken, Mindmaps zu erstellen und passende Einstiege und Abschlüsse für jede Runde zu finden – es ist die Arbeit wert. Denn all das Training und die Mühe ermöglichten uns, am 21. Dezember 2016 einen für uns erfolgreichen, lehrreichen und ziemlich unterhaltsamen Projekttag zu organisieren, an den die Teilnehmer sich hoffentlich ebenso gerne zurückerinnern werden wie wir.

Es war ein Mittwochmorgen, und für die Schüler hieß das: Schulfrei. Vielleicht war das einer der ausschlaggebenden Faktoren, der so viele zu uns zog. Über 200 Mädchen und Jungs der fünften bis siebten Klassen, von denen manche auch Eltern, Großeltern oder Geschwister dabei hatten, verteilten sich schließlich auf acht Zimmer, die die unterschiedlichsten Themen zu bieten hatten. Wir waren überwältigt, dass so viele Kinder an unserem Projekt teilnahmen, obwohl vielen von ihnen das Philosophieren zunächst völlig fremd war. Doch um einen der Teilnehmer zu zitieren: „Warum muss das Fremde immer negativ sein? Fremdes Essen ist doch auch super.“ Und genauso super verlief im Grunde unser Tag, obwohl wir zu Beginn natürlich auch mit Unruhe oder Zurückhaltung umgehen mussten, was aber ganz normal ist, wenn den Teilnehmern das Philosophieren noch nicht so bekannt ist.

philo4kleinDoch trotz anfänglicher Startschwierigkeiten stieß man in den Diskussionen über Glück, Freiheit und Co. immer wieder auf neue interessante Meinungen und Theorien. Wir staunten oft über die bemerkenswerten Beiträge seitens der Schüler und auch ihrer Eltern, die mit ihrem Erfahrungsgrad nochmal ganz neue Ideenansätze einbringen konnten. Doch sie waren nicht die einzigen mit neuen Einfällen. Zwei unserer Q12-Philosophen versuchten sich sogar an einer neuen, selbst ausgedachten Technik, dem Dunkelphilosophieren. Allen Teilnehmern wurden bei dieser Version die Augen während des Gesprächs verbunden, um sie in eine intimere, privatere Atmosphäre zu bringen, die ihnen das Nachdenken, Reflektieren und Empfinden erleichtern sollte. Mit überraschend hoher Bereitschaft gingen die Schüler und ihre Eltern auf die neuen Bedingungen ein und brachten durch das Fehlen äußerer Ablenkungen völlig neue, tiefer gehende Gedanken hervor.

Theoretisch sind die ersten Assoziationen, die man mit dem Thema Philosophieren verbindet, gar nicht mal so falsch. Im Grunde bestand unser Projekt tatsächlich aus Stuhlkreisen, verschiedenen Gruppen von Kindern, ein paar Erwachsenen und drei abstrakten Fragen in drei Philosophierrunden. Womit wir bis zu unserem Projekttag aber nicht gerechnet hätten, war, wie sehr uns die Gespräche doch beeindrucken würden. Gefühlt war der Tag sehr gut abgelaufen, besser als erwartet, und die Einstellungen der Philosophierenden haben uns wirklich zum Grübeln gebracht. Gleichzeitig konnten wir gute Erfahrungen mit den Kindern mitnehmen und hatten auch den Eindruck, dass die Eltern und Großeltern ebenso interessiert den Gedanken ihrer Töchter, Söhne und Enkel lauschten. Eines der Statements einer Fünftklässlerin blieb uns besonders im Gedächtnis, da es sehr zum Nachdenken anregte: „Ich verstehe nicht, wieso immer alle so gegen Flüchtlinge sind und Angst vor ihnen haben. Wenn ein Baby auf die Welt kommt, kann es auch nicht sprechen und muss lernen, was es bei uns für Regeln gibt. Das ist bei Flüchtlingen genauso.“

Es ist wahr: Die Liebe zur Weisheit kennt keine Altersgrenze. Das wurde uns durch die viele Arbeit mit den Kindern mehr als einmal bestätigt. Wir wollten ihnen eine Chance geben, auch über Dinge zu sprechen, die in der Schule zwischen dem Satz des Pythagoras und den Englischvokabeln leicht untergehen. Bildung basiert schließlich nicht nur auf Formeln und Vokabeln, die man auswendig lernt. Vielmehr setzt sie sich zu einem Teil auch aus der Fähigkeit zusammen, sich zu einem abstrakten Thema eigenständig eine Meinung zu bilden und sich offen mit anderen darüber auszutauschen, eigene Erfahrungen einzubringen und neue zu sammeln. Auch für uns als Q12 boten sich neue Sichtweisen und Erfahrungen, die wir ohne den Philosophiertag nicht hätten machen können.

Nina Zenk, Q12 für das P-Seminar „Philosophieren mit Kindern“