Helmut Kuhn – ein Mann „quer zu allen Erwartungen“

 MGL Lesung Kuhn 2212 Bild2 kleinWer hat nicht schon alles am Meranier-Gymnasium vorgelesen und mit Schülerinnen und Schülern über Literatur diskutiert? Bekannte Bestsellerautoren, Lyriker, selbst eine spätere Literaturnobelpreisträgerin waren darunter. Schriftsteller, die nur vom Schreiben leben können, ebenso wie andere, die neben der Literatur noch andere Betätigungsfelder ausüben. In einem kurzen Rückblick auf dreißig Jahre Lesungen am Meranier-Gymnasium dankte einleitend Manfred Brösamle-Lambrecht nochmals dem ehemaligen Schulleiter, Herrn Oberstudiendirektor Dr. Hilmar Kormann, der die Lesereihe am Meranier-Gymnasium 1986 begründet und etabliert hatte.

Aber ein Schriftsteller, der neben seiner journalistischen und der gelegentlichen Lehrtätigkeit an der Universität vor allem durch ein Hobby auffällt, wurde wohl zum ersten Mal in der Aula willkommen geheißen. Denn mit Helmut Kuhn kam nicht nur ein Romancier und sozialkritischer, politischer Autor nach Lichtenfels, der in seinen Werken immer wieder Themen aufgreift, die ihn entweder selbst berühren (vgl. „Nordstern“ oder auch „Omi“) oder die ihm über den Weg laufen (vgl. die Co-Autorenschaft mit Cem Gülay oder Murat Kurnaz), sondern auch ein Schachboxer. Wer nun denkt, er habe sich verlesen, dem sei gesagt, dass Schachboxen tatsächlich eine seit 2003 anerkannte Wettkampfsportart ist, die auch der eingeladene Schriftsteller ausübt.

Keine Nebensächlichkeit ist das seltene Hobby allemal, zumal es in seinem Roman „Gehwegschäden“ sogar zum literarischen Sujet wird. Das Schachboxen als literarisches Motiv ist nicht nur als biographische Reminiszenz des Autors oder als Alleinstellungsmerkmal zu anderen Berlin-Romanen der letzten Jahre zu verstehen, sondern vor allem als ein modernes Pendant zum Athletenclub einer der größten literarischen Berlin-Figuren, Franz Biberkopf. Nicht nur im wörtlichen Sinn schlägt sich der Protagonist in Kuhns Roman gerade so durchs Leben, ein kurzer Ausschnitt machte dies für alle Zuhörer nachvollziehbar.

Häufig geht es in seinen Büchern darum, wie Tag für Tag versucht wird, über die Runden zu kommen. Und zwar von Menschen, die entweder selbst am Rande der Gesellschaft stehen oder sich in deren abseitigen Regionen und Schichten bewegen. Aus deren Perspektive wird aus einer sehr subjektiven Sicht – politisch durchaus eher inkorrekt - beschrieben, was sie an sozialen Rissen und Brüchen in unserer Wohlstandsgesellschaft wahrnehmen. Für Kuhn „verändern sich fundamentale Dinge in unserer Gesellschaft, [...] [j]eder versucht, sich mit dem Ellenbogen noch irgendwie über Wasser zu halten […] irgendwann wird man einfach nur noch zermalmt und fertiggemacht.“

MGL Lesung Kuhn 2212 Bild1 kleinDafür will er sensibilisieren, auf die „Gehwegschäden“ aufmerksam machen, den Finger in die Wunden der Republik legen. Hier ergänzen seine Sachbücher, die sich mit höchst aktuellen Themen wie Armut und Wohlstand, Migration und Integration auseinandersetzen, die Fiktionalität der Romane.

Trotz der Schwere der Themen, der eindeutigen politischen Intention seiner Texte gibt es in seinem Werk keinen moralinsauren, erhobenen Zeigefinger. Im Gegenteil: Einfallsreiche Plots und Handlungsmotive sowie schräge Geschichten führen zu einem Lesevergnügen, das auch die Zuhörer am MGL ansteckte. Die gewählten Textauszüge aus seinem jüngsten Roman „Omi“, in dem Kuhn stark autobiographisch die „Enkel-Liebesbeziehung“ (Zitat Kuhn) darstellt und die Geschichte seiner eigenen Großmutter thematisiert, führen zu den typischen Schülerfragen bei Autorenlesungen: Wie kommt man als Schriftsteller überhaupt zu seinen Stoffen?

Da antwortet Kuhn ganz freimütig, dass natürlich Quell seiner Geschichten die Realität sei, die er neugierig aufsauge, und die im Falle seines „Omi“-Romans dazu führte, dass er über 13 Jahre bei den unzähligen Treffen mit seiner Großmutter Tonaufzeichnungen machte. Diese Mitschnitte dienten dann als Ausgangspunkt für das skurril-schräge Road-Movie.

Schriftsteller-Sein bedeutete aber auch, dass manchmal vier Jahre von der ersten Idee bis zur letzten Seite vergehen und viele unterschiedliche Etappen zu gehen seien: Recherche, eigene literarische Erfahrungen und das Schreiben an sich.

Kuhns journalistisches Schreiben, das er unter anderem jahrelang in New York ausübte, führte wohl auch dazu, dass ihn im Lauf seines Lebens immer wieder Menschen ansprachen, ob er nicht ihre Geschichte aufschreiben könne. Von solcher Co-Autorschaft hatten die wenigsten Zuhörer bisher etwas gehört, der Begriff Ghostwriter kam ihnen da schon vertrauter vor, aber dass man nun einen solchen vor sich sitzen sehen konnte, gefiel ihnen ebenso wie die versteckte Liebeserklärung an Bayern, die der seit Jahrzehnten in Berlin lebende Autor ganz nebenbei fallen ließ.

MGL Lesung Kuhn 2212 Bild3 kleinUm zu illustrieren, was man sich unter einer Co-Autorschaft konkret verstehen kann, las er den Schülerinnen und Schüler der Oberstufe einige Auszüge aus zwei solcher Werke vor und erklärte auch die Entstehungsumstände. Vor allem der Bericht über den Guantanamo-Aufenthalt des unschuldigen Murat Kurnaz führte zu einer betroffenen Stille im Publikum und zur Nachfrage, inwieweit sich in Kuhns Werken bzw. in seiner Themenwahl auch seine sozialkritische und politische Einstellung niederschlage. Da bekannte der Autor Farbe und erläuterte, dass für ihn Literatur auch immer ein Mittel zur Meinungsäußerung sei und es gerade in Zeiten wie diesen wichtig sei, Stellung zu beziehen. Deswegen interessierten ihn eben unter anderem Themen wie Reichtum und Armut, Migration und Integration, weswegen er mit einer gut gewählten Textstelle aus dem Sachbuch „Türken Sam – Aus dem Leben eines Gangsters“ aufforderte, dem (Alltags-) Rassismus keine Chance zu geben und alles zu tun, um Integration möglich zu machen. Damit schloss er die gelungene Lesung, die wie immer durch die großzügige Unterstützung des Vereins der Förderer und Freunde möglich gemacht wurde, und signierte noch ausgiebig die Lesehefte und die frisch erstandenen Romane bzw. Sachbücher, die eine spannende Lektüre in den Weihnachtsferien versprechen!

Ein herzlicher Dank galt den beiden professionellen Moderatorinnen Dakota uns Karolin. Vor allem aber war die erneut gelungene Lesung das Verdienst von Frau Barbara Reidelshöfer und Frau Julia Hermann-Stribrny, die das Projekt "Autorenlesung" seit Jahren höchst engagiert und kompetent betreuen.